Sunday 20. October 2019

Reform der katholischen Kirche auf dem Weg

 

[Wien, 21.10.2014, PA] Die katholische Kirche ist auf dem Weg: An der Basis, wo sich Gemeinden mit Priestermangel, einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensentwürfe und Bedürfnisse von Menschen konfrontiert sehen, vollzieht sich vielerorts das, was auch in einer Urkirche stattgefunden hat – eine (Neu-)Ordnung von Diensten entlang der Notwendigkeiten am jeweiligen Ort. [mehr]

 

So der weitgehend einhellige Befund bei einer Podiumsdiskussion zur Frage „Welche Ämter braucht die Kirche?“, zu der die Katholische Frauenbewegung Wien und die Katholische Frauenbewegung Österreichs am 20. Oktober eingeladen hatten.

 

Rund 120 Menschen sind der Einladung in die Wiener Ruprechtskirche gefolgt zu einem Podium mit Hans-Peter Hurka, dem Koordinator der Wiener Gruppe von „Wir sind Kirche“, Regina Polak, Professorin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien, Hermine Scharinger, Pastoralassistentin in einem Verbund von fünf Gemeinden im niederösterreichischen Weinviertel,  Helmut Schüller von der österreichischen Pfarrerinitiative und  Moderatorin Ursula Dullnig von wide (women in development europe).

 

„Wenn Laien in Gemeinden Verantwortung übernehmen in der Leitung und in der Seelsorge, dann  ist da, ganz praktisch und pragmatisch orientiert, bereits etwas in Gang“, so Podiumsteilnehmer Helmut Schüller -  mit Verweis etwa auf das Beispiel von Hermine Scharinger, die nach dem Tod des ihr vorgesetzten Pfarrers infolge eines burnouts über drei Jahre hinweg vorrangig zuständig war für Seelsorge und Organisation des Gemeindelebens an fünf Orten. Scharingers Erfahrung:  „Die Leute nehmen die Gemeindeleitung in die Hand, und das funktioniert“. Für Schüller zeigt sich darin „pastorale Klugheit“, ein Handeln, das „dem Leben abgeschaut“ ist: „Es geht nicht darum, den Stempel des Ordinariats abzuwarten, was es braucht, ist eine Beauftragung durch die Gemeinde und eine Anerkennung durch sie – da erhebt sich die spannende Frage: Was machen die Bischöfe?“ Im herkömmlichen Sinne sei ein Priester, der für fünf Pfarren zuständig sei, eigentlich als „Bischof“ zu bezeichnen, etwas, das Hermine Scharinger aus der Praxis der nunmehr wieder mit einem Priester ausgestatteten fünf Weinviertler Gemeinden bestätigen kann.

 

„Dienstfunktionen“ für das, was Gemeinden brauchen

 

Hans-Peter Hurka bekräftigt: „Notwendig sind „Dienstfunktionen“ für das, was Gemeinden brauchen und wofür sie geeignete Personen finden können“, wobei drei Funktionen bzw. Dienste unablässig seien: „Es braucht eine theologisch gefestigte Person, um die Gemeinde in der Spur Jesu zu halten, jemanden, der im Sinne des Ringens um die Einheit mit anderen Gemeinden den Kontakt hält, und jemanden, der mit Konflikten umgehen, sie fruchtbar machen kann“. Tatsächlich, so Schüller, seien im bestehenden Kirchenrecht bereits Schritte gemacht, sei mit dem „Kanon 517“ bei Priestermangel die Übertragung seelsorglicher Aufgaben an Laien vorgesehen. Maximilian Aichern, emeritierter Bischof der Diözese Linz, habe in diesem Sinne mit der Einrichtung von Seelsorgeteams initiativ im deutschen Sprachraum gewirkt und die Arbeit dieser Teams ermöglicht – allerdings sei die Feier der Sakramente nach Kanon 517 nach wie vor an einen Priester gebunden.

 

Dienste und Ämter als Antwort auf „Zeichen der Zeit“

 

Für Regina Polak ist entscheidend, Dienste und Ämter aus der Konfrontation mit den „Zeichen der Zeit“ heraus zu definieren: „Sich nach außen zu wenden, zu schauen, was uns umgibt, zu verstehen,  was die „Zeichen der Zeit“ sind – dieser Prozess steht nach wie vor aus“. Die Zeichen der Zeit seien in den Gemeinden zu identifizieren, nicht auf Universitäten, sie erst böten die Grundlage dafür, Aufgaben und infolge Ämter zu beschreiben. „Ämterstrukturen“ in der Kirche „ herunterzufahren“ hält Polak angesichts einer hoch institutionalisierten Welt für „fahrlässig“: „In diesem Punkt bin ich konservativ“, so Polak. Was derzeit stattfinde, sei ein notwendiger Umbruch in der kirchlichen Organisationskultur: weg von einer feudal ausgerichteten, hin zu einer synodal-partizipatorischen. Dabei halte sie die Verfassung der Kirche grundsätzlich „für sehr gescheit“. Jeder „auch noch so seltsame Pfarrer“ repräsentiere das Faktum, dass Gemeinden angebunden sind an eine größere Gemeinschaft, mehr seien als eine „Kuschelgruppe“. Der „Habitus“ von Ämtern müsse sich verändern. „Ämter und Leitung sind ab einer bestimmen Größe einer Organisation eine Frage der Gerechtigkeit und der Transparenz“, so Polak weiter. Wichtig sei die Frage, wie Partizipation gesichert und  Zusammengehörigkeit gestiftet werden könne.

 

Öffnung für Frauen auf allen Ebenen

 

Helmut Schüller stellt das Priestertum aller in den Mittelpunkt: „Alle tragen daran mit, die mit Christus verbunden sind“. Und: sie tun das als Mann und Frau, der biblischen Grundbotschaft folgend, nach der Mann und Frau Ebenbild Gottes sind.  Die Pfarrerinitiative fordert daher zunächst auch die Öffnung aller Weiheämter für Männer und Frauen. Der definitive Ausschluss von Frauen spitze die Frage nach den Ämtern und ihrem Verständnis zusätzlich zu. „Vieles würde sich entkrampfen,“ so Schüller, in dieser Sache explizit als Priester sprechend, „die Durchmischung von Frauen und Männern in der Kirche würde uns sehr gut tun“. In den USA gebe es, was die Ordinierung von Frauen betrifft, zwei Strömungen: Frauen, die sich ihren Auftrag von männlichen Priestern holten, und Frauen, die sich den Auftrag von den Gemeinden holten.

 

Keine Zeit, auf Erlaubnis zu warten

 

Regina Polak will sich, angesprochen auf das Diakonat der Frau, nicht aufgehalten wissen: „Es ist klar, was zu tun ist, ich investiere mein Engagement nicht in solche Fragen, ich habe keine Zeit, auf eine Erlaubnis zu warten.“ Dass es bei der Organisation von Diensten und Funktionen aber nicht nur um das Problem von Männern und Frauen gehe, will Hans-Peter Hurka festgehalten haben: bei vielen Menschen und in vielen Gemeinden fehle es an Akzeptanz für ein anderes Verständnis von Dienst und Amt: „Wir kennen das etwa aus der Krankenhausseelsorge: da wird dann ein Priester verlangt, weil ein Laie nicht genügt.“ Unabdingbar sei der Auftrag zu einem bestimmten Dienst, nur von unten nach oben könne ein Wandel erfolgen.

 

Hoffnung Papst Franziskus: Doppelte Reformanstrengungen von unten nötig

 

Das wird für Helmut Schüller insbesondere schlagend angesichts der hohen Erwartungen von ReformbefürworterInnen an Papst Franziskus. „Die Ebene der Bischöfe fällt da momentan aus. Die Bischöfe schauen seit zwei Jahren Papstfilm, erste Reihe fußfrei. Die Kirche, die Franziskus meint, muss von unten wachsen. Das bedeutet, wir müssen unsere Reformanstrengungen verdoppeln.“ Auch die gegenwärtige Familiensynode will Schüller nicht mit Erwartungen überfrachten: „Die Zeichen der Zeit werden zuerst in den Gemeinden gelesen, dort zeigen sich neue Familienverhältnisse, andere Lebensformen…“. Plan der Pfarrerinitiative ist es gegenwärtig, ein „Aktionsbündnis“ von Gemeinden zu initiieren, die sich als Trägerinnen der Entwicklung sehen und sich auf den Weg zu einem neuen Dienst- und Selbstverständnis gemacht haben. „Ich schöpfe Mut aus vielem, was sich Gemeinden so tut“, so Schüller, auch das II. Vatikanum sei nicht aus einem Moment heraus entstanden, sondern habe einen langen Vorlauf gehabt, im Zuge dessen nachmalig hoch angesehene Menschen wie Karl Rahner schwer zu kämpfen hatten. „Das Zweite Vatikanum hat eine Ahnung von Kirche gegeben, die nicht unzeitig ist.“

 

Was in der Kirche hält

 

Die Kirche, so Schüller, sei „ein Ding, das ich nicht mehr aus meinem Leben herausbringe: ich bin nicht ein Mieter, der einfach kündigen kann, ich bin Hausmiteigentümer, das Haus geht mich was an“. Aus Treue zu den vielen Menschen, die Kirche in verschiedenster Weise zu leben versuchten,  bleibe er. Für Regina Polak ist es eine Aufgabe, die Juden mit Christen teilen, was sie in der Kirche hält: „Die Aufgabe, ein Zeichen, ein Werkzeug des Reiches Gottes zu sein“, so die Theologin, die nicht kirchlich sozialisiert aufgewachsen ist und auch, wie sie sagt,  eine Phase des „Atheismus“ hinter sich hat. Ihr Konversionserlebnis sei die Exodus-Geschichte gewesen, die Erfahrung der Gewissheit, dass es einen Weg in die Freiheit gebe. Hans-Peter Hurka sieht sich stark in seiner Erfahrung von Gemeinde, konkrete Basisgemeinde verankert, und Hermine Scharinger nährt sich von den anhaltenden Erlebnissen des Aufbruchs in den Gemeinden, in denen sie tätig ist – der Nachteil, jung, nicht geweiht und nicht studiert zu sein, sei eben auch ein Vorteil: „Ich muss nichts, ich kann mich da investieren, wo ich will.“

 

Ausgangspunkt der Podiumsdiskussion war die Auseinandersetzung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs mit der Heiligen Katharina von Siena, die, wie Melitta Toth als Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Wien eingangs darlegte, als unermüdliche Kämpferin für eine Erneuerung der Kirche aufgetreten ist und im Mittelalter eine den Frauen von heute vergleichbare Erfahrung gemacht hat: „Wir sind drinnen und doch draußen.“  Veronika Pernsteiner, stellvertretende Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs, dankte den Podiumsgästen und dem engagierten Publikum für die hohe Qualität der Auseinandersetzung und die Begegnung angesichts der Fragen von Dienst und Amt in der Kirche als brennender Fragen der Zeit.

 

download Pressefoto 20.10.2014 Podiumsgespräch 20.Oktober 2014

vlnr.: Mag.a Ursula Dullnig, Ing.Hans Peter Hurca, Dr.in Regina Polak, Mag. Helmut Schüller

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Pressereferentin der kfbö

Mag.a Elisabeth Ohnemus

Tel: 0664-321 89 36

Email: elisabeth.ohnemus[a]kfb.at

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