Mittwoch 13. Dezember 2017

Ehrenamt bleibt Thema der kfb

Rede von Veronika Pernsteiner zum Thema „Ehrenamt“ anlässlich der Verleihung der diözesanen Ehrenzeichen der Diözese Linz am 6. Juli 2016

Liebe Festgäste,

es ist mir eine große Ehre, Ihnen heute bei der Verleihung der diözesanen Ehrenzeichen meine Gedanken zum Thema „Ehrenamt“ darlegen zu dürfen.

In der Vorbereitung auf diesen Festakt habe ich nachgedacht: Was war mein erstes Ehrenamt? Was war mein Beweggrund, mich zu engagieren? Warum habe ich mich entschieden, etwas von meiner Zeit zu verschenken?

 

Es war 1992, also vor 24 Jahren: Als junge Mutter habe ich mit vier anderen jungen Frauen eine Mütterrunde gegründet und viele Jahre geleitet. Wir haben darin einen Sinn gefunden, einen Teil unserer Freizeit dafür zu verwenden, mit anderen Müttern unser Wissen rund um die Familie zu erweitern und gemeinsam etwas zu unternehmen. 1991, ein Jahr davor, habe ich die ehrenamtliche Organisation der Tschernobyl-Kindererholungsaktion der Caritas Oberösterreich übernommen. 17 Jahre lang habe ich Sommer für Sommer mit viel Freude  Gastfamilien und ihre Gastkinder begleitet, es hat mir viel Freude gemacht und viel Freude gebracht. 1997 habe ich gemeinsam mit ein paar Frauen die Katholische Frauenbewegung in meiner Pfarre gegründet und 2006 das Katholische Bildungswerk in meiner Pfarre wiederbelebt.

 

Dank der großen Unterstützung durch meine Familie – besonders durch meine Schwiegereltern  - konnte ich nach kurzen Kinderpausen nicht nur relativ rasch wieder ins Berufsleben einsteigen, sondern ich hatte immer auch Zeit zur Verfügung, mich ehrenamtlich zu engagieren. Meiner Schwiegermutter bin ich über ihren Tod hinaus für ihre Unterstützung dankbar. Meine Kinder sind nun erwachsen.

Was geblieben ist, ist die Freude an einer Sinn stiftenden ehrenamtlichen Arbeit, einerseits nun für die Katholische Frauenbewegung auf Österreich-Ebene, andererseits für das Katholische Bildungswerk auf Pfarr-Ebene.

 

Obige Details verdeutlichen eines: Ehrenamt muss zeitlich und ökonomisch auch leistbar sein, es braucht Ressourcen, die die freiwillige Tätigkeit erlauben. Diese Ressourcen können, wie in meinem Fall, ein familiäres Netzwerk sein, Menschen, die einen „freispielen“. Es sind auf jeden Fall immer Ressourcen, die einen über das hinausheben, was man braucht, um die eigene Existenz sicherzustellen.

Immer mehr Menschen, insbesondere Frauen, haben es heute aber schwer damit.

Wir leben zwar nach wie vor in einem reichen Land, aber die materiellen Ressourcen, Einkommen und Vermögen, sind immer ungleicher verteilt. Die Reallöhne sind in den vergangenen Jahren gesunken, prekäre Beschäftigungen sind im Steigen begriffen. Immer mehr Menschen haben mehrere Jobs gleichzeitig, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Das kostet Zeit und psychische Kraft.

 

Es ist eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit, ob Menschen die Freiheit haben, über sich und ihre Zeit angemessen zu verfügen. Und mit „Menschen“ meine ich Frauen und Männer. Als Katholische Frauenbewegung plädieren wir etwa dafür, Arbeit so zu verteilen, dass ausreichend, d.h. existenzsicherndes Erwerbseinkommen für Frauen und Männer da ist – in keinem anderen europäischen Land werden so viele Überstunden gemacht wie in Österreich.  Gleichzeitig hat sich die Teilzeitquote bei Frauen in den letzten beiden Jahrzehnten fast verdoppelt. Rund die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeitet Teilzeit, vor allem bedingt durch familiäre Betreuungsaufgaben, unter anderem aber auch dadurch, dass in klassischen Frauenbranchen wie im Handel oder in  Pflege und Betreuung oftmals nur (schlecht entlohnte) Teilzeitarbeit angeboten wird.

 

Eine Welt, in der Frauen UND Männer ausreichend und angemessen entlohnte Erwerbsarbeit haben, und damit ausreichend freie Zeit, um sich private Sorgearbeit zu teilen und darüber hinaus im Dienst der Gemeinschaft, als Ehrenamtliche tätig zu sein – das ist eine Vision, der sich die Katholische Frauenbewegung verschrieben hat. Die Katholische ArbeitnehmerInnen-Bewegung propagiert sie unter dem Stichwort „Tätigkeitsgesellschaft“, die deutsche Politologin und Feministin Frigga Haug unter dem Begriff „Vier-in-einem-Perspektive“ (so auch der Titel ihres Buches), und Bundeskanzler Kern hat einen kleinen Schritt auf sie zu gemacht, indem er sich für eine Arbeitszeit-verkürzung bei vollem Lohnausgleich ausgesprochen hat. Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich wäre ein Instrument, um zu einer besseren Verteilung von Ressourcen - Geld wie Zeit - zu gelangen. Seit Jahrzehnten wird über ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert. Die Sicherung bzw. der Ausbau von sozialer Infrastruktur durch den Staat - etwa  im Bereich Bildung oder Mobilität – also die Leistbarkeit von Angeboten und Diensten in diesen Bereichen -  wäre ein anderer Baustein.

 

Dass der Mensch tätig sein kann, und zwar in allen Bereichen des Lebens: als Erwerbsarbeitender, als Sorgender, als Engagierter im Gemeinwesen, in der Zivilgesellschaft, in der Kirche – das erfüllt. Das wissen die Menschen, die die Erfahrung einer solchen Konstellation machen dürfen. Und das bestätigt die Psychologie. Aus freien Stücken für andere etwas tun können – das beglückt.

Viel ist darüber geschrieben worden, als im vergangenen Herbst mehr als Hunderttausend Flüchtlinge in unserem Land angekommen sind, um weiterzureisen oder zu bleiben. Die spontane Hilfe war überwältigend, und das langfristige ehrenamtliche Engagement ist es vielerorts noch immer. Auch wenn sich infolge politischer Polarisierung und Radikalisierung ein Schleier darüber gelegt hat, der den Blick darauf trübt oder überhaupt verstellt.

 

Es wäre und es ist eine ungeheure Kraft da, wo Menschen aus freien Stücken zusammenkommen, um miteinander anzupacken. Die Kraft, die spürbar wird, ist mehr als nur die Summe dessen, was die einzelnen einbringen – das ist die faszinierende Erfahrung, die Freiwillige auch in der Flüchtlingshilfe gemacht haben und machen, das ist eine Erfahrung, die Feuerwehrleute beim Hochwassereinsatz machen und Frauen und Männer, die etwas für die Pfarre organisieren. Das ist das, was ehrenamtlich Tätige zurückbekommen: diese gemeinsame Erfahrung, das Glück aus dem Miteinander.

Was das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge seit vergangenem Herbst auch noch zeigt: Menschen unterschiedlichster Couleur kommen zusammen, ungewöhnliche Koalitionen entstehen, wo es darum geht, FÜR etwas, FÜR Menschen aktiv zu werden. Das ist nicht nur ein äußerst wertvoller gesellschaftlicher Kitt, das ist auch ein Beispiel für eine Entwicklung: das Ehrenamt ist nicht mehr einfach organisations-gebunden, sondern definiert sich um konkrete, sich immer wieder neu stellende Aufgaben und Projekte herum.

 

Besonders interessant ist folgende Feststellung: Als die ersten Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof oder am Linzer Hauptbahnhof eintrafen, waren da zuerst keine Institutionen, sondern Menschen, die sich einfach über social media ad hoc zusammengefunden hatten, um zu helfen. Erst später sind traditionelle Organisationen dazu gekommen. Und aus einem Teil des wild zusammengewürfelten Haufens vom Anfang ist der „Train of hope“ hervorgegangen. Eine Kommunikationstechnologie hat das ehrenamtliche Tun revolutioniert und inhaltlich erweitert: es braucht nicht immer Langfristigkeit; um HotSpots der Bedürftigkeit kann sich in Windeseile etwas formieren und dann auch wieder auflösen. An vielen österreichischen Bahnhöfen und Orten war und ist das so erlebbar.

Menschen setzen sich ein, wo sie Sinn erkennen und – gleichfalls eine Entwicklung, die  sichtbar ist – wo sie mitgestalten und etwas bewegen können. Und wenn sie selbst für etwas brennen, dann können sie auch andere mit ihrer Begeisterung anstecken.

 

Begeistert sind auch am vergangenen Wochenende über 60 Frauen aus ganz Österreich, auch aus OÖ, nach Rom gereist. Wir sind mit mehreren hundert Frauen aus der Schweiz, aus Südtirol und aus Deutschland durch Rom gepilgert und haben die Initiative „Für eine Kirche mit den Frauen mitgetragen.  Es war ein überwältigendes Gefühl für mich, mit vielen Menschen aus mehreren Ländern vernetzt für das gemeinsame Anliegen „Für eine Kirche mit den Frauen“ im Petersdom den Abschlussgottesdienst zu feiern. Eine der heute zu Ehrenden, Frau Leppen, war auch in Rom dabei und wird meiner Aussage zustimmen.

 

Arbeiten wir deshalb an einer Gesellschaft und an einer Kirche, die die Voraussetzungen und die Räume für Mitgestaltung und für Mitverantwortung bietet. Im Evangelium vom vergangenen Sonntag schreibt Lukas davon, dass Jesus 72 Jünger zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften gesandt hat, in die er selbst auch gehen wollte. Auf dass der Friede Jesu weiter getragen werde, von Tür zu Tür und dass Menschen dabei aufblühen. Seien auch wir Jüngerinnen und Jünger Jesu! Seine Botschaft aus dem Evangelium ist unser aller Auftrag, damit wir die Welt FAIRändern!

DANKE!

Pressereferentin der kfbö

Mag.a Elisabeth Ohnemus

Tel: 0664-321 89 36

Email: elisabeth.ohnemus[a]kfb.at

Pressephotos der Vorsitzenden

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