Donnerstag 17. August 2017

Flüchtlinge: Herausforderung, aber auch Potential

 

[Wien, 20.6.2017, PA] Für einen Perspektivenwechsel in der gegenwärtigen Debatte um Flüchtlinge plädiert die Katholische Frauenbewegung Österreichs anlässlich des „Internationalen Tags des Flüchtlings“: „Menschen, die wegen Krieg und Krisen ihre Heimat verlassen mussten, sind nicht nur eine Aufgabe für die Aufnahmeländer, sie sind auch ein enormes Potential, das es wahrzunehmen und dessen Entfaltung es zu fördern gilt“, so Veronika Pernsteiner, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs.

In erster Linie sei das Aufgabe des Staates, so Pernsteiner, die auf das überwiegend von Frauen getragene, nach wie vor große ehrenamtliche Engagement in der Flüchtlingsbetreuung hinweist. Pernsteiner beruft sich mit ihrem Appell auf Studien der Wirtschaftswissenschafterin und Universitätsprofessorin Luise Gubitzer, Leiterin der Abteilung „Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie“ der Wirtschaftsuniversität Wien. Gubitzer analysiert das Thema „Menschen auf der Flucht“ sowohl mittels eines erweiterten Wirtschaftsbegriffes als auch aus Sicht der „Care-Ökonomie“  und legt damit Bezüglichkeiten und Handlungsspielräume offen, die in der laufenden Debatte in Österreich und Europa nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden.

 

Flüchtlinge sind Menschen mit Fähigkeiten, aber  in einer besonderen Lebenslage, in der sie so wie etwa Menschen am Beginn oder am Ende des Lebens der Sorge und Fürsorge bedürfen, um würdig existieren zu können“, so Pernsteiner ausgehend von der Perspektive der Care-Ökonomie. Eine Politik auf der Basis dieser Annahme bedeute, eine qualitativ hochwertige Versorgung in allen Lebensbereichen der Flüchtlinge sicherzustellen und Bedingungen zu schaffen,  um die vorhandenen Potentiale  eruieren, fördern,  vertiefen und weiterentwickeln zu können.  Das habe positive Auswirkungen sowohl für das Aufnahme- als auch für das Herkunftsland. So haben etwa Österreichische Nationalbank, Wirtschaftsforschungsinstitut als auch das Institut für Höhere Studien gleichermaßen errechnet, dass die Flüchtlinge, die seit 2015 nach Österreich gekommen sind, aufgrund der Staatsausgaben für die Versorgungs- und Integrationsmaßnahmen positive Effekte für Arbeitsmarkt und Konjunktur erzeugen werden. Und wenn in ihren Fähigkeiten geförderte Flüchtlinge nach Ende von Krieg oder Konflikten in ihren Herkunftsländern dorthin zurückkehren, könnten sie  wesentlich beitragen zum Aufbau  von Demokratie und Wirtschaft, so Wirtschaftswissenschafterin Gubitzer: „Care-Arbeit mit AsylwerberInnen ist dann emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit.“

 

Legale Aufnahmen unumgänglich

 

Das „5-Sektoren-Modell der Gesamtwirtschaft“, mit dem Gubitzer den überkommenen Begriff von „Wirtschaft“ erweitert - neben dem klassischen „For Profit-Sektor“, also gewinnorientierten Unternehmen, zählt sie zur „Wirtschaft“  auch den „Non-Profit-Sektor“, in dem NPOs, non profit organisations, und NGOs , non governmental organisations, angesiedelt sind, den „öffentlichen Sektor“, also den Staat,  den „Haushaltssektor“ und den „illegalen, kriminellen Sektor“  -.  schärft die Ökonomin etwa den Blick auf die Bedeutung des Schlepper-Wesens bzw. anderweitiger Geschäftemacherei mit der Not von Flüchtlingen. Dem stark expandierenden „illegalen, kriminellen Sektor“ entgegenzuwirken verlange die „legale Aufnahme von Flüchtlingen“: „Alle Staaten in Europa, USA und Kanada sollen ihren Kapazitäten entsprechend Flüchtlinge aufnehmen, sie auf legalem Weg ins Aufnahmeland kommen lassen und dort mit effizienten Integrationsmaßnahmen versorgen“, so Gubitzer und  Katholische Frauenbewegung Österreichs.

 

Vielfältiger Profit bei hochwertiger Versorgung und Ausbildung

 

Der öffentliche Sektor, so die Analyse Gubitzers, profitiere von seinen Ausgaben und Maßnahmen für Versorgungs- und Integrationsmaßnahmen mittelfristig, wenn die Maßnahmen wirksam werden, die Ausgaben sinken und Steuereinnahmen durch Erwerbs- und Konsumtätigkeit integrierter Asylberechtigter erzielt werden. Der „For Profit-Sektor“ ziehe Nutzen  aus der enormen Nachfrage, die die Versorgung von Menschen auf der Flucht auslöst, aber auch durch die Erbringung von Leistungen, die ihm der Staat überantwortet, so etwa die Flüchtlingsbetreuung durch Unternehmen.  Produktivitätssteigerungen seien in diesem Bereich allerdings nur möglich, wenn die Care-Leistung mangelhaft sei.  Zudem profitiere der „For Profit-Sektor“ durch werbewirksame Maßnahmen im Rahmen von „corporate social responsability“, etwa durch Sach- oder Geldspenden an NPOs,  die einen wesentlichen Teil der Versorgung leisten. NPOs, die gegen Rückerstattung von Kosten eine Grundversorgung von AsylwerberInnen zur Verfügung stellen, ersparen dem Staat durch die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen zusätzliche Ausgaben aus Budgetmitteln.  Eine umfassende Betreuung hält AsylwerberInnen vom „illegalen-kriminellen Sektor“ fern, Integration und Bildung  verhindern, dass sie diesem Sektor als billige Arbeitskräfte zugeführt werden. 

 

Zusätzliche Care-Arbeit für Frauen

 

Auch aus dem „Haushaltssektor“ erwachsen aus der ökonomischen Perspektive Gubitzers durch den Einsatz Ehrenamtlicher Vorteile für den „For Profit Sektor“, etwa wenn Güter erworben werden, die gespendet werden. Allerdings gehe der den Staat entlastende Einsatz Ehrenamtlicher aus Haushalten in erster Linie auf das Konto von Frauen, die neben Erwerbs- und Hausarbeit sowie Kindererziehung nun auch noch Care-Arbeit in der Flüchtlingsbetreuung leisten.

 

Gegen Rechtsruck und Re-Etablierung stereotyper Frauen- und Männerbilder

 

Gubitzer appelliert mit der Katholischen Frauenbewegung Österreichs an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft in Österreich wie auf europäischer Ebene, bei der Analyse des Themas „Menschen auf der Flucht“ und bei der Entwicklung von Handlungsoptionen sich des „5-Sektoren-Modells der Gesamtwirtschaft“ zu bedienen. Das könne auch helfen, dem wahrnehmbaren Rechtsruck und der Re-Etablierung stereotyper Frauen- und Männerbilder entgegenzuwirken.

 

 

 

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