Wednesday 17. July 2019

Hass im Netz, Hass in der Gesellschaft: Medienfrauen diskutieren Strategien dagegen

 

[Wien, 10.1.2017, HP] „Media literacy“ in Schule und Lehrerbildung, Bewusstseins- und Bildungsarbeit bei JournalistInnen, Verstärkung eines „constructive journalism“, Mut zur Gegenrede, Herstellung eines Bewusstseins für Phänomene wie das „framing“, aber auch ein verantwortungsvoller Umgang öffentlicher Stellen mit Anzeigen in Medien: Beispiele für Strategien, einer zunehmenden Radikalisierung in der öffentlichen, insbesondere medialen Debatte entgegenzutreten, wie sie sich Hanna Herbst, stellvertretende Chefredakteurin von Vice Austria, Cathrin Kahlweit, Mittel- und Osteuropa-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, und Astrid Zimmermann, Generalsekretärin des Presseclub Concordia, vorstellen können und wünschen. Die drei Medienfrauen diskutierten Erfahrungen und Lösungsansätze bei einem Podiumsgespräch am 9. Jänner in Wien, zu dem die Katholische Frauenbewegung Österreichs, die Katholische Frauenbewegung der Erzdiözese Wien sowie die Katholische Aktion der Erzdiözese Wien eingeladen hatten.  

 

„Media literacy“, also umfassende Medienkompetenz, forderte Astrid Zimmermann als Gegenstand sowohl in der Schul- als auch der LehrerInnenbildung: „Wenn etwa SchülerInnen selbst Radio oder Zeitung machen, dann erfahren sie im Tun, was es bedeutet, anhand gewisser Kriterien Quellen auszuwählen“. Leider gebe es sowohl im Bereich der SchülerInnen-  als auch der LehrerInnenausbildung in Österreich kaum Instrumentarien zum Erwerb von Medienkompetenz, so Zimmermann, ein Notstand angesichts einer insbesondere digital sich differenzierenden Medienlandschaft. Einen Appell richtete Zimmermann aber auch an JournalistInnen, sorgsam im Umgang mit Quellen zu verfahren und, auch im Sinne der Aufklärung und Sensibilisierung von KonsumentInnen, die verwendeten Quellen verlässlich anzugeben: „Es braucht auch Bildungsarbeit bei JournalistInnen“.

 

Bewusst schaffen für „framing

Cathrin Kahlweit hält es in diesem Zusammenhang vor allem für wichtig, bei JournalistInnen ein Bewusstsein für „framing“, also die Konnotierung von Sprache mit bestimmten Welt- und Menschenbildern, zu schaffen. Oft würden bewusste Konnotierungen von Worten und Begriffen und damit deren ideologische Vereinnahmung unreflektiert übernommen, etwa, wenn mit den Ausdrücken „Flüchtlingsflut“ oder „Flüchtlingswelle“ der an sich neutrale Begriff „Flüchtling“ in Verbindung mit einem Ausdruck aus dem Bereich bedrohlicher Naturkatastrophen eine grundsätzlich negative Wertung erfährt. Hilfreich sei eine regelmäßige Sprach- und Blattkritik in Redaktionen, wie sie bei der Süddeutschen Zeitung etwa geübt werde, auch mit ExpertInnen von außerhalb des eigenen Betriebs. Der Umgang mit Sprache bedeute eine „tägliche Gratwanderung“.

 

Reflexionsräume für JournalistInnen

„Reflexionsräume für JournalistInnen“ seien vor diesem Hintergrund nötiger denn je, so Astrid Zimmermann. Die Forderung danach stünde in Österreich schon lange im Raum, mehr und mehr würden nun die dringend zu verhandelnden Themen Gegenstand öffentlicher Debatten.

 

Umgang mit Falschmeldungen und Troll-Fabriken

Hanna Herbst sieht es zunehmend als Aufgabe von Medien, Falschmeldungen aufzudecken und die  bewusste Steuerung von Diskursen sichtbar zu machen, auch auf die Gefahr hin, mit der Auseinandersetzung mit Falschmeldungen deren Inhalt und Wirkung zu verstärken. Die Mittel- und Osteuropa-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Cathrin Kahlweit, benannte unter anderem russische „Troll-Fabriken“ als Quelle von Falschmeldungen, verdeckte Organisationen, die im Auftrag des russischen Staates Manipulationen im Internet mithilfe fingierter Identitäten in Online-Foren und im Kommentarbereich von Nachrichten-Seiten betreiben und die öffentliche Stimmung in ihrem Sinn zu beeinflussen versuchen.

 

Diskreditierung mit Wirkung

Hassmails an JournalistInnen, auch sexualisierter Natur, insbesondere gegenüber Frauen, blieben nicht ohne Wirkung, bestätigten Hanna Herbst und Cathrin Kahlweit aus eigener Erfahrung. „50 mails dieser Art an einem Tag machen einen schon betroffen und machen auch Angst“, so Kahlweit. Dahinter stünde der Versuch, Menschen klein zu machen, durch Erniedrigung zu beeinträchtigen. Für Kahlweit geht es dabei nicht in erst Linie um die Diskreditierung eines Mediums, sondern um das Ausleben eines Machismo. Inwieweit derartige Mechanismen tatsächlich Auswirkungen auf die Berichterstattung haben können, geht nach Darstellung von Astrid Zimmermann aus einer Umfrage unter JournalistInnen in Österreich und Deutschland hervor, in der eine Mehrzahl der Betroffenen angibt, sich vor der Berichterstattung zu überlegen, welche Auswirkungen des geplante Artikel haben könnte. Studien gebe es zu diesem Themenbereich derzeit noch keine. Hanna Herbst berichtete von ihrer persönlichen Strategie, Angriffe und Beleidigungen von sich „weg“ zu schieben und zu verarbeiten zu versuchen, indem sie sie nach außen, etwa Kolleginnen zu lesen gibt.

 

Dagegenhalten

Zimmermann empfiehlt , im Falle von Angriffen die Gegenrede zu üben, auch wenn sie keine große Wirkung haben sollte. „Es braucht Menschen im Netz, die dagegenhalten“, so Zimmermann, strategisch sozusagen einem „liberalen Ansatz“ folgend, demgegenüber ein eher „autoritärer“ Ansatz auf verstärkte Bestrafung setze. So gebe es in Österreich die Tendenz, Anzeigen zu erleichtern, etwa auch auf elektronischem Weg zu ermöglichen.

 

Steuerung über Anzeigenschaltung

Eine Strategie, die in Großbritannien angewendet würde, sei es, Medien, die Hass verbreiteten, nicht mehr mit der Schaltung von Anzeigen zu unterstützen. Ein Appell, der auch in Österreich gehört werden sollte, so die drei Medienfrauen am Podium. Nach wie vor schalte die öffentliche Hand, Kommunen und Ministerien, großzügig Anzeigen etwa in Boulevardmedien. Auch die Subventionspolitik im Bereich der Medien sei höchst fragwürdig und reformbedürftig.

 

Mehr „constructive journalism“

Eine weitere Gegenstrategie im Umfeld negativer, Hass schürender öffentlicher Debattenkultur läge in der Verstärkung eines „constructive journalism“, so Astrid Zimmermann. Eine verstärkt positiv ausgerichtete Berichterstattung darüber, wie Dinge gelingen und gut funktionieren, würde ein Gegengewicht schaffen, fordere aber dazu heraus, sich damit klar von PR-Strategien abzugrenzen.

 

Soziale Netzwerke als „brutale Maschinerie“

Wie es zur wachsenden Aggression und Radikalisierung in Medien und Gesellschaft gekommen ist? „Es gibt Tastaturen und den Zugang zu einer riesigen Zahl von Plattformen, Blogs…“, so der lapidare Befund von Cathrin Kahlweit. Die sozialen Netzwerke seien nicht kontrollierbar und hätten sich zu einer „brutalen Maschinerie“ ausgewachsen, in der jede/r seine Quellen zur Bestätigung der eigenen Sicht auswählt. Die meisten Menschen bewegten sich in „bubbles“, die ihnen eine Übersicht über die Wirklichkeit nicht erlaubten. Sie, so Kahlweit, könne nur dazu aufrufen, eine Vielzahl von Quellen zu nutzen, um möglichst viele Perspektiven wahrzunehmen.

Sie halte es auch für möglich, so Kahlweit, dass die wahrnehmbar gestiegene Aggression in der Gesellschaft sich wechselnde Orte der Entfaltung sucht, so etwa in Form von „hate crimes“, wie sie etwa in Deutschland in Erscheinung treten würden.

 

Wieder lernen, den Nachbarn ´guten Tag´ zu sagen

Für JournalistInnen gelte es letztlich, sich auch unter veränderten Bedingungen an die Grundsätze ihres Metiers zu halten, „ihren Job zu machen“. Und: „Wir müssen wieder lernen, unseren Nachbarn ´guten Tag´ zu sagen“.

Moderiert hat das Podiumsgespräch Judith Klaiber, Assistentin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien. Veronika Pernsteiner, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs, hat die Veranstaltung mit einem Grußwort an die rund 50 TeilnehmerInnen eingeleitet.

Pressereferentin der kfbö

Mag.a Elisabeth Ohnemus

Tel: 0664-321 89 36

Email: elisabeth.ohnemus[a]kfb.at

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