Sonntag 19. November 2017

Internet und Digitalisierung – simulierte Demokratie?

 

[St. Pölten, 20.10.2017, HP] Unter diesem Titel fand am 20. Oktober, initiiert von der Arbeitsgruppe Demokratie braucht Bildung* in Kooperation mit der Katholischen Frauenbewegung der Diözese St. Pölten, eine Tagung in der Arbeiterkammer St. Pölten statt.

Das Modell Demokratie steht auf dem Prüfstand: Neue Autoritarismen konvergieren mit postdemokratischen Realitäten, kapitalistischer Globalisierung und nationalen Abschottungsregimes. Die Arge, ein Zusammenschluss von  arge region kultur, AK Niederösterreich, AK Wien, Frauenhetz, KFBÖ, ksoe, Joan Robinson, Transform.at und WIDE, bemüht sich mit regelmäßigen Veranstaltungen die notwendige Verknüpfung emanzipatorischer Erwachsenenbildung mit Demokratielernen öffentlich zu thematisieren; diesmal mit aufklärenden Beiträgen zu Internet und die Digitalisierung, die inzwischen ebenso die Qualitätssicherheit von Demokratien gefährden.

 

Noch vor wenigen Jahren wurde das Netz als egalisierender Raum gefeiert, als Kraft der Sozialen Netzwerke für Demokratisierung. Doch inzwischen haben Regierungen und Unternehmen aufgerüstet – Meinungsherstellung und diskursive Sabotage geht auch per Software. Die Technik dazu, so deutsche Journalist Matthias Becker (Berlin), ist das Maschinenlernen, bei dem Daten von Software mit statistischen Verfahren aufbereitet und automatische Analysen sowie flexible Programmsteuerung ermöglicht werden. Beispiele für Manipulationshightechsoftware: Cambridge Analytica: psychometrisch fundierte politische Werbung, die an das Persönlichkeitsprofil angepasst wird und verunsichern (z.B. von einer Wahl abhalten) will; Smart Information Flow Technologies: KI-Analyse von verdächtigen Meinungen und Verhalten anhand von Internetdaten, z.B. Facebook-Likes und Emails; Bell Pottinger: Suchmaschinen zum Verschwindenlassen unerwünschter Berichte, z.B. im Irakkrieg. „Es geht bei diesen Manipulationsversuchen immer darum, den anderen zu identifizieren…wer er ist, was er tut und was er will, und selbst nicht aus der Deckung zu kommen“ (Becker). Gelingende Kommunikation, die auf einem Mindestmaß an Vertrauen auf die Identität des Gegenübers basiert, wird torpediert, denn man weiß nicht mehr, ob es sich um eine/n Gleichgesinnte/n, überhaupt einen Menschen oder um eine Software handelt.

 

Enthemmte Kommunikation

Online ist das Aggressionspotential enorm und es werden häufig jene belohnt, die extrem aggressiv sind, so die Autorin und Netz-Expertin Ingrid Brodnig (Wien). Wenn kein Gesicht zu sehen, kein Augenkontakt vorhanden ist, fallen alle Grenzen eines verträglichen Umgangs. Eine Studie (Daegon Cho/Alessandro Acquisti) besagt, dass Postings mit Beschimpfungen mehr Likes erhalten. Schreibt jemand rüpelhaft, so bekommt er mehr Likes und in von Algorithmen sortierten Medien werden diejenigen mit vielen Likes noch mehr Menschen zugeführt. Eine antifeministische Liga in Deutschland, die aus ein paar hundert Männern bestand, konnte so den Eindruck einer empörten Massenbewegung vortäuschen. Überhaupt sind Frauen, speziell politisch engagierte Frauen, schwersten Beleidigungen, Gewaltfantasien und realen Bedrohungsszenarien ausgesetzt. Wehrhafte Strategien können die juristische Belangung der Üblen Nachrede, die Veröffentlichung der Hassreden, das Verfassen stärkender Postings und entwaffnender Humor sein.

 

Resümierend wurde, angeregt von der social media-Beauftragten der Diözese Linz, Andrea Mayer-Edoloey, festgehalten, dass das Internet eine komplett rechtsfreie Institution ist, die dringend der Entwicklung zivilisatorischer Regeln bedarf, wenn sie demokratiestützend werden will.

Text: Birge Krondorfer

Pressereferentin der kfbö

Mag.a Elisabeth Ohnemus

Tel: 0664-321 89 36

Email: elisabeth.ohnemus[a]kfb.at

Pressephotos der Vorsitzenden

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