Mittwoch 13. Dezember 2017

"Alle sind gefordert, mit der Doppelmoral aufzuräumen"

Die Rede der kfbö-Vorsitzenden Veronika Pernsteiner zum Thema Frauenhandel anlässlich der Veranstaltung "Verantwortungsvolle Politik und Wirtschaft" der Initiative "Aktiv gegen Menschenhandel in OÖ" am 17. Oktober 2016 in Linz finden Sie nachfolgend.

 

 

Sehr geehrte Festgäste!

Zunächst möchte ich mich herzlich bedanken für die Einladung zu dieser 3. Veranstaltung der Initiative „Aktiv gegen Menschenhandel – Aktiv für Menschen-Würde in Oberösterreich“. Als besonderen Auftrag sehe ich es, in der Einleitung als Frau zu sprechen, als Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs.

Als die Anfrage von Sr. Maria Schlackl an mich kam, hier und heute zu sprechen, habe ich ganz spontan an ein Gespräch gedacht, das ich mit meinem ehemaligen weißrussischen Gast-Kind Nadja aus der Caritas-Tschernobyl-Kindererholungsaktion vor ein paar Jahren geführt habe. Sie ist ja mittlerweile eine erwachsene Frau und kommt aufgrund unserer Privateinladung nach OÖ. Nadja hat zu mir gesagt: „Veronika, bei uns in Weißrussland hängen Plakate in den Straßen, auf denen steht, dass junge Frauen nicht den Verlockungen von Jobangeboten aus Westeuropa glauben sollen.“  Das erstaunt mich nicht mehr, seit ich mich mit der Thematik Frauenhandel intensiver beschäftige.

 

„Weil’s gerecht ist, mischen wir uns ein und fair-ändern wir die Welt“ – heißt aktuell der Zweijahres-Schwerpunkt der Katholischen Frauenbewegung Österreichs. Dieser Titel verweist aber auch auf die jahrzehntelange Arbeit der kfb, ob innerhalb Österreichs und Europas oder im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika, Asien und Afrika und verweist auf ihren Grundauftrag:

Frauen auf individueller Ebene zu stärken und gleichzeitig auf struktureller und politischer Ebene dazu beizutragen, dass  Frauen ihr Leben in Würde und Freiheit, „autonom“  leben können.

Die Kath. Frauenbewegung arbeitet z. B. in ihrer Aktion Familienfasttag auch mit Projektpartnerinnen in Nicaragua oder Nepal auf mehreren Ebenen: unter anderem engagieren wir uns auch für Programme, die Frauen den Ausstieg aus der Prostitution ermöglichen sollen.

 

Rund 2,5 Millionen Menschen weltweit leisten derzeit nach Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO als Betroffene von Menschenhandel Zwangsarbeit. 80 Prozent davon sind Frauen und Mädchen – sie arbeiten in der Landwirtschaft, in Haushalten und in der Zwangsprostitution. Beim Handel von Menschen in die Zwangsprostitution sind 98 Prozent der Betroffenen weiblich. Nach dem illegalen Drogen- und Waffenhandel zählt der Handel mit Frauen zu den drei lukrativsten Betätigungsfeldern des internationalen organisierten Verbrechens - zu den wichtigsten Zielregionen gehören die westlichen Industriestaaten.

Uns als Kath. Frauenbewegung ist es wichtig, genau hinzuschauen: wer sind diese Frauen, die „gehandelt“ werden? Wer oder was ermöglicht es, ein illegales Geschäftsfeld diesen Ausmaßes zu betreiben? Mit diesem ökonomischen Erfolg?

Es werden in den nachfolgenden Statements drei Expertinnen und ein Experte  einiges dazu sagen, vorweg daher nur ein paar Punkte im Blick auf die Situation hierzulande:

Mehr als 90 Prozent der Frauen, die in Österreich in der Prostitution tätig sind, haben einen Armutshintergrund, mehr als 90 Prozent sind Migrantinnen – aus Lateinamerika, Afrika, Asien, Osteuropa. Ihr Bildungsniveau ist niedrig.

 

Frauen, die in Österreich in der Prostitution tätig sind, sind dorthin „gehandelt“ worden – d.h., so die UNO-Definition vom Jahr 2000, „angeworben und transportiert unter Anwendung von Zwang oder Gewalt, Drohung oder Täuschung“. Oder, und das kommt hinzu, sie sind dort „gelandet“, weil sie strukturellen Zwängen unterlegen sind – es haben ihnen zu Hause Arbeit, Einkommen, soziale Sicherung, Bildung gefehlt, sie sind ausgewandert und haben im Zielland ebenso wenig „anständige“ Arbeit, Einkommen, soziale Sicherung und Bildungschancen vorgefunden. Vielleicht ist ihnen die „Einwanderung“ nur gelungen, weil sie „Helfer“ in Anspruch genommen haben, in deren Dienst sie jetzt stehen

 

Prostitution ist ein Bereich, in dem die Frauen Geld machen können, um ihre Existenz zu sichern, die eigene, oftmals aber auch die ihrer Familie oder ihrer Herkunftsfamilie, weil es sonst keine Möglichkeit gibt. Das wird grausam ausgenützt. Denn, und das muss man sich vor Augen führen: die riesengroße Nachfrage ist da, sie ist der entscheidende „pull-Faktor“, wie es in der einschlägigen Literatur heißt. Es gibt entsprechend viele Männer mit entsprechend hohem Kauf- bzw. Konsuminteresse.

 

Legislative, Polizei und Justiz stützen und begründen auch die  Doppelmoral, die sich allenthaben in der Gesellschaft bemerkbar macht: Wie anders kann es etwa sein, dass Frauen aus osteuropäischen EU-Ländern des Landes verwiesen und mit Wieder-Einreiseverbot belegt werden dürfen? Wie anders erklären sich die niedrige Zahl an Verurteilungen von Menschen, die mit Menschen handeln,  und die auffällig niedrigen Strafen? Wie lässt sich begründen, dass der Aufenthaltsstatus von Betroffenen des Frauenhandels immer noch nicht gesichert ist, ein Aufenthalt für die Betroffenen von einem Gerichtsverfahren abhängt, in dem Frauen aussagen müssen, wobei dieser Aufenthalt auf die Dauer des Verfahrens begrenzt ist? Vielleicht können sie nicht aussagen, weil sie nicht genug wissen oder einfach Angst haben? Warum, fragt man sich auch, gibt es keine Ausstiegshilfe in Österreich (etwa in Form einer Mindestsicherung)? Wie kann es sein, dass Prostitution eine der wenigen offiziell erlaubten Tätigkeiten für Asylwerberinnen ist?

Vielleicht haben viele Frauen in Prostitution und Sexarbeit nie etwas anderes erfahren, als abhängig und gezwungen zu sein und Gewalt zu erfahren? Vielleicht funktionieren sie, weil Väter, Brüder, Cousins, auch Mütter, die hinter ihnen stehen, genauso wenig anderes kennen und einfach ein Muster tradiert wird, wo die Selbstreflexionsfähigkeit fehlt?

 

Und noch eine ganz andere Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Zwang und Freiwilligkeit? Wie „selbstbestimmt“ kann Prostitution, kann explizite „Sexarbeit“ sein? Gibt es Spielräume für Autonomie? Können verbesserte „Arbeitsbedingungen“ dazu beitragen, die Selbstbestimmung von Frauen zu gewährleisten? Geht es darum, „Sexarbeit“ als Dienstleistung wie jede andere Dienstleistung zu begreifen und zu etablieren? Oder geschieht in Sexarbeit, Prostitution per se und immer schon Missbrauch?

Das Spektrum an Erscheinungsweisen und Faktoren, die im Bereich von Prostitution wirksam werden, ist ein weites Feld und verlangt genaues Hinschauen und eine differenzierte Auseinandersetzung. Vielerorts mangelt es der öffentlichen Debatte an dieser Differenzierung.

 

Die Katholische Frauenbewegung Österreichs möchte diese differenzierte Auseinandersetzung vorantreiben.  Es ist ihr ein Anliegen, eine politische Debatte entlang von Daten und Fakten in Gang zu bringen, die Notwendigkeit zu transportieren, dass es politische Entscheidungen braucht, um ein gesellschaftliches Bedingungsgefüge zu schaffen, das es Frauen erlaubt, selbstbestimmt und in Würde zu leben, auch was ihre Sexualität betrifft.

Alle sind gefordert, mit der Doppelmoral aufzuräumen, die es erlaubt, dass Menschen auf Kosten anderer Menschen leben, gerade dort, wo es um Sexualität geht: Staat, Kirche, Individuen.

Und zu diesem Aufräumen mit dieser Doppelmoral gehört auch eine Auseinandersetzung mit unserer Beziehungskultur, hier, in den westlichen Industrienationen, in die der allergrößte Teil von „Zwangsprostituierten“ gehandelt wird. Und wo in diesen Tagen so viel von den „europäischen Werten“ die Rede ist…

 

Die Katholische Frauenbewegung hat in ihrer vorwöchigen Bundesleitungstagung mit den Leitungsfrauen aus ganz Österreich auch die „Zwangsprostitution“ zum Thema gemacht und Sr. Anna Mayrhofer dazu eingeladen.  Sr. Anna Mayrhofer leitet eine Schutzwohnung in Wien. Die Ordensfrau berichtete uns von erschütternden Schicksalen misshandelter, vergewaltigter und genötigter Frauen, die aufgrund ihrer nicht vorhandenen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung kaum eine Möglichkeit hätten, aus dem System auszubrechen. Die Opfer seien zudem meist traumatisiert, was u.a. auch die gerichtliche Verfolgung der Täter erschwere. Kein gutes Haar ließ Sr. Anna Mayrhofer an den Freiern bzw. dem hinter der Prostitution stehenden Frauenbild. Frauen seien nicht mehr als ein "Konsumgut" bzw. ein "Sex-Artikel". Das sei für die gesamte Gesellschaft ein alarmierender Befund, so Sr. Anna.

 „Weil’s gerecht ist, mischen wir uns ein und fair-ändern wir die Welt– überall versteht sich die Katholische Frauenbewegung als Partnerin, wo es darum geht, Frauen zu ihrer Würde zu verhelfen. Verbünden wir uns, werden wir laut

Pressereferentin der kfbö

Mag.a Elisabeth Ohnemus

Tel: 0664-321 89 36

Email: elisabeth.ohnemus[a]kfb.at

Pressephotos der Vorsitzenden

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