Saturday 4. February 2012

Heilige Familie entthronen

10.07.2002
Bei Sommerstudientagung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs warnt Pastoraltheologe Univ. Prof .Zulehner vor Überidealisierung von Ehe und Familie ­ Sorge um Gelingen von Fragmenten hat Vorrang vor Erfüllung von Idealbildern

 

Die Entthronisierung des überfordernden Idealbildes der Heiligen Familie wurde am Dienstag, 9. Juli, 2002 bei der Sommerstudientagung der Katholischen Frauenbewegung Österreichs gefordert. Unter dem Motto "A Frau möcht' i' bleib'n. A Familie möchte' i' hab'n" erörtern die Leitungsteams der kfb aus allen österreichischen Diözesen sowie aus Südtirol bis 12. Juli im Bildungshaus Schloss Seggau bei Leibnitz in der Steiermark die Lebbarkeit von Familie für Frauen im 3. Jahrtausend.


Im Eröffnungsreferat warnte Univ. Prof. Dr. Paul M. Zulehner vor der destruktiven Kraft der Ideale und insbesondere vor einer Überidealisierung von Ehe und Familie. Der Wiener Pastoraltheologe betonte, dass Ideale, "die brutal in Politik und Pastoral übersetzt werden, den Menschen kaputt machen können". Als eine der wichtigsten pastoraltheologischen Botschaften an die Kirche nannte der Dekan der Wiener Theologischen Fakultät die Forderung, nicht immer auf das hinzuschauen, was nicht geht, sondern vielmehr das Fragment wertzuschätzen und im Vertrauen auf Gott an dessen Wachsen zu glauben.

 

Recht auf Fragment


"Wir haben ein Recht auf ein für Wachstum offenes Fragment", betonte. Zulehner. Er erinnerte an das Wort des heiligen Paulus: "Zum Leben in Frieden hat Gott uns berufen." Die Ehe werde dabei nachgereiht. Der Theologe und Sozialwissenschaftler kämpft deshalb zunächst auch nicht um Ehe und Familie, sondern um "familiale Lebensräume geprägt von Stabilität und Liebe für Erwachsene, Kinder und Ältere". Nach diesem "Dach über der Seele" sehnen sich die Menschen, wie die Europäische Wertestudie, dessen Leiter Prof. Zulehner ist, deutlich zeige. Er fordert Konzepte für Generationen übergreifende familiale Lebenswelten, damit weder die Kinder noch die Alten zu kurz kommen und plädiert für einen "Durchbruch durch die Madonnenszene", die klassische Reduzierung auf Mutter mit Kind.

 

Potential der Kirche für positive Entwicklung des Familienbildes nützen


Univ:Ass. Dr. Andrea Lehner Hartmann schilderte die historische Entwicklung familiärer kirchlicher Leit- und Leidbilder .Auch sie kritisierte, dass bei der Beurteilung von Ehe und Familie ständig vom Ideal ausgegangen, obwohl man heute vielmehr die Frage stellen müsse, ob diese Vorstellungen überhaupt lebbar seien.


Die Religionspädagogin und Vorsitzende des österreichischen Instituts für Jugendforschung hob hervor, dass der Begriff "Familie" erst seit dem 18. Jahrhundert bekannt und das Modell unserer gegenwärtig vorherrschenden Familienvorstellungen der bürgerlichen Kleinfamilie erst durch Industrialisierung entstanden sei. Quer durch die Geschichte war das familiäre Zusammenleben allerdings in unterschiedlicher Intensität und Ausformung durch die Grundstruktur eine hierarchischen Ordnung zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern geprägt. Die Kirche hat nach Ansicht von Dr. Lehner-Hartmann genügend ideologisches Potential um für eine positive Entwicklung von Familie zum Wohle aller Mitglieder einen geeigneten Raum dazustellen. Es gelte, egalitäre Sichtweisen zwischen Frauen und Männern zu überwinden, eine Hinordnung zum Kind als Erziehungssubjekt und konkrete strukturelle Maßnahmen auf verschiedensten Ebenen zu entwickeln.

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